ZWISCHENRÄUME
 
Mauer-Öhling
 
Heil-und Pflegeanstalt als NS-Tatort
 

Das heutige Landesklinikum Mauer-Öhling nahe Amstetten, gegründet 1902 als "Kaiser-Franz-Joseph-Landes-Heil- und Pflegeanstalt" wurde in den Jahren 1938–1945 als drittgrößte psychiatrische Klinik Österreichs zum Tatort von NS-Medizinverbrechen. Im Rahmen der sogenannten "Aktion T4" wurden zwischen Juni 1940 und August 1941 1.269 namentlich bekannte PatientInnen über die Zwischenanstalt Niedernhart in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei Linz transportiert und dort in der Gaskammer ermordet. Auch nach dem Ende der sogenannten "Aktion T4" 1941 wurden PsychiatriepatientInnen anstaltsintern durch gezielte Mangelernährung, systematische Vernachlässigung, herbeigeführte Infektionen und durch Tabletten oder Injektionen getötet.

TäterInnen und Opfer
In Mauer-Öhling ermordete der Gugginger Anstaltsarzt Emil Gelny als Sonderbevollmächtigter des Gauärzteführers gemeinsam mit dem Vorstand der Frauenabteilung Josef Utz und unter der Beihilfe des Pflegepersonals vor Ort weitere 190 PatientInnen mittels Überdosierung von Medikamenten, Injektionen und eines umgebauten Elektroschockgeräts. Zudem wurden PatientInnen in andere Anstalten (z.B. 323 Personen im Februar und Oktober 1943 nach Gugging) verlegt, wo die meisten starben.  Zu den Opfern der anstaltsinternen Tötungen gehörten neben den stationären PatientInnen unter anderem auch nicht mehr arbeitsfähige ZwangsarbeiterInnen und Kriegsgefangene (z.B. aus dem Kriegsgefangenenlager Stalag XVII in Krems-Gneixendorf) und ab September 1944 auch  ZwangsarbeiterInnen aus den gesamten "Alpen- und Donaugauen", die von den Lagerleitern als " geisteskrank" eingestuft und in die Krankenanstalt eingewiesen wurden. Aufgrund der steigenden Sterblichkeitsrate (von ca. fünf Prozent in der Vorkriegszeit auf 18 Prozent bis Jahresende 1943) wurde ab 1944 der reguläre Anstaltsfriedhof erweitert. In der Endphase des Krieges wurden dort insgesamt 275 PatientInnen begraben– teilweise in Massengräbern von bis zu neun Personen.
Während im Zuge des Volksgerichtsprozess 1946-1948 zu Euthanasiemorden in der Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling einige Mitglieder des Pflegepersonals zu geringen Haftstrafen verurteilt wurden, mussten sich die Ärzte unter den TäterInnen – allen voran Emil Gelny, der das Land verließ – nie für ihre Verbrechen verantworten.

Jahrzehntelange Tabusierung und aktuelle Forschung
Trotz seiner zentralen Bedeutung als Tatort von NS-Medizinverbrechen in Österreich wurde die Geschichte der – weithin für seine Jugendstilarchitektur bekannte – Krankenanstalt zwischen 1938 und 1945 bis vor einigen Jahren kaum beforscht. Die Euthanasiemorde in Mauer-Öhling blieben sowohl in der Krankenanstalt selbst als auch in der regionalen und nationalen Öffentlichkeit tabuisiert. Die 2017 in das NÖ Landesarchiv überstellten Krankenakten aus Mauer-Öhling von 1902–1977 bilden nun den zentralen Quellenbestand für den kontinuierlichen Forschungs- und Vermittlungsprozess von WissenschafterInnen des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs (Injoest). Neben der Forschung zu den Methoden der Euthanasiemorde und deren TäterInnen unter Ärzten und Pflegepersonal stehen dabei auch Fragen nach dem Wissen der örtlichen Bevölkerung um die brutalen Tötungen in der "Heil- und Pflegeanstalt" und damit auch die sozialen und wirtschaftlichen Verknüpfungen mit dem damals wie heute größten Arbeitgeber der Region im Mittelpunkt.  Der Frage nach individuellen Erinnerungen und familiärem, transgenerationalem Gedächtnis, sowie einer kollektiven, regionalen Erinnerung an die Verbrechen in Mauer-Öhling widmete sich in den letzten Jahren das mehrjährige Sparkling Science Projekt "Geschlossene" Anstalt? mit Jugendlichen aus Amstetten.
Durch die intensive Forschungs- und Vermittlungsarbeit wurde auch die Errichtung eines ersten Mahnmals auf dem Gelände des Landesklinikums Mauer angestoßen, welches im Mai 2019 eröffnet wurde. Der sogenannte Euthanasiefriedhof neben dem Anstaltsfriedhof ist bis heute eine brache Fläche ohne einen Hinweis auf die hier begrabenen Opfer der NS-Ärzte und PflegerInnen.  Unter dem Titel "Namen, Gräber und Gedächtnis" werden derzeit in einem Forschungsprojekt des Injoest mit BürgerInnenbeteiligung einige Lebensgeschichten jener Menschen rekonstruiert, die am erweiterten Friedhofsareal begraben sind – vor allem, um der jahrzehntelangen Anonymität und Nichtbeachtung der Opfer des –  von "erb- und rassebiologischen" Wahnvorstellungen geprägten – NS-Systems etwas entgegen zu setzen.