ZWISCHENRÄUME
 
Roggendorf
 
Häftlings-Zwangsarbeit unter dem Wachberg
 
Mit dem Zunehmen alliierter Luftangriffe auf NS-Rüstungsbetriebe in der zweiten Kriegshälfte entwickelten die NS-Krisenstäbe den Plan, wichtige Produktionsstandorte unter die Erde zu verlagern. Eines dieser Verlagerungsprojekte entstand unter dem hauptsächlich 
aus Quarzsand bestehenden Wachberg in Roggendorf. Ziel der Verlagerung umfangreicher Betriebsanlagen der Steyr-Daimler-Puch AG war einerseits die Sicherung der Produktion, andererseits aber auch der Schutz der Anlagen vor der Zerstörung. Ab dem Frühjahr 1944 wurde unter dem Decknamen „Quarz“ das Bauvorhaben „B 9“ begonnen, dessen Ziel es war, eine mehrstöckige unterirdische Stollenanlage mit einer Gesamtlänge von rund 14 Kilometern zu errichten. Parallel dazu wurde in der Birago-Pionierkaserne in Melk ein KZ-Außenlager realisiert, welches die nötigen Zwangsarbeitskräfte lieferte. Von Melk aus wurden die KZ-Häftlinge ab Ende April 1944 mit dem Zug zur Zwangsarbeit nach Roggendorf transportiert. Vom sogenannten „Haltepunkt“ aus – ein provisorischer Bahnsteig, der von KZ-Häftlingen 1944 erbaut worden war –, mussten sie zur Baustelle marschieren, wo sie im Mehrschicht-Betrieb zur Arbeit gezwungen wurden. Die auszehrende Zwangsarbeit verbunden mit mangelhafter Ernährung, Bekleidung und Ausrüstung sowie schwere Arbeitsunfälle und Misshandlungen durch SS und sogenannte Funktionshäftlinge kosteten binnen eines Jahres 4.874 KZ-Häftlinge das Leben. Obgleich diese enorme Opferzahl in direktem Zusammenhang mit der Zwangsarbeit in Roggendorf stand, hat sich vor Ort keine dauerhafte bzw. institutionalisierte Form der Erinnerung etabliert. 

Roggendorf nach dem Kriegsende
Nach Kriegsende wurde alles Verwertbare aus den Stollen entfernt, die sowjetischen Besatzer versuchten vergeblich, die mit riesigen Betonmassen errichteten Stollen zu sprengen, um sie für militärische Zwecke unbrauchbar zu machen. Nachdem die frei zugänglichen Stollen in den 1980er-Jahren unter anderem von rechtsextremen Gruppen für Schießübungen verwendet worden waren, wurde ein Betretungsverbot ausgesprochen. Obgleich die Eingänge verschlossen wurden, kommt es bis heute immer wieder zu illegalen Einstiegen. 
Ende der 1990er-Jahre entwickelte der Landschaftsarchitekt Alfred Benesch die Idee, in Roggendorf ein dauerhaftes Mahnmal zu errichten und einen von Roggendorf bis zur KZ-Gedenkstätte Melk führenden „KZ-Reuweg“ zu realisieren. Im Jahr 2002 erfolgte im Zuge von Bauarbeiten der ÖBB an der Westbahnstrecke zur Linienverbesserung der „Umfahrung Loosdorf“ die Errichtung eines ersten Teils. Benesch, der im Rahmen der Bauarbeiten für die landschaftspflegerische Begleitplanung verantwortlich war, wählte für den Ort des ehemaligen „Haltepunktes“ eine besondere Form der Gestaltung. Auf einer Länge von 230 Metern – der Länge des ursprünglichen Haltepunktes“ – installierte er 23 Holzstelen, flankiert von Wacholderbüschen. Während die Wachholderbüsche bis heute erhalten geblieben sind, wurden die Holzstelen im Laufe der Zeit von Unbekannten entfernt, 2017 verschwanden schließlich auch die Betonfundamente, in denen die Holzstelen verankert waren. 
Seit einigen Jahren bemüht sich eine Gruppe von historisch interessierten Personen im Rahmen der „ARGE Quarz-Roggendorf B9“ um die Aufarbeitung der Geschichte des Ortes Roggendorf während der NS-Zeit und fordert außerdem, dass die Stollenanlagen aufgrund ihrer historischen Bedeutsamkeit unter Denkmalschutz gestellt werden müssten.